Nach dem Saisonauftakt mit „100 Prozent Karlsruhe“ von
Rimini Protokoll schließt sich der Kreis am Badischen Staatstheater zum
Spielzeitende: Auch in der letzten Schauspielpremiere „Der Gastfreund/Die
Argonauten“ hat sich die Bühne für Bürger geöffnet. Die Recherche zum Thema
„Gastfreundschaft“ begann bereits im November 2011 mit dem „Club der
Gastfreunde“, ein offenes Format mit freiem Eintritt, in welchem das Theater über
fünf Monate die Bürger zu Veranstaltungen und Gesprächen ins Haus einlud (die
BNN berichteten). In den Workshops und Vorträgen gab es einen vielseitigen
Austausch darüber, was einen Gast ausmacht, was Gastfreundschaft ist, was
Fremdheit bedeutet und wie damit umgegangen wird.
In Workshops wurden eigene Theatererlebnisse sowie
sprachlicher und körperlicher Ausdruck erprobt. Im zweiten Schritt hat das Team
um die Regisseurin Mareike Mikat das Projekt in den öffentlichen Raum getragen.
Auf dem Friedrichsplatz wurde im April 2012 für acht Tage das „Traute Heim“
aufgebaut. Ein Ort, an dem jeder eingeladen war, miteinander zu diskutieren, zu
entspannen und natürlich auch Theater zu spielen. Eine Aktion war die
„Gastfreund-Soap“, in der täglich eine Szene des Argonauten-Mythos in
Spontantheater-Format von Bürgern aufgeführt wurde. Viele der Recherchearbeiten
sind in den letzten Teil des Projekts, die nun anstehende Produktion „Der
Gastfreund/Die Argonauten“ eingeflossen. Die 20 Laien-Schauspieler sind zum
Teil über diese Aktionen zum Mitspielen gekommen – eine heterogene Gruppe
unterschiedlichen Alters und biografischer Hintergründe. Das Bühnenbild führt
diese Idee des Austausches, des Aufhebens von Grenzen fort:
Videodokumentationen vom „Trauten Heim“ sind ebenso Teil des Bühnenbilds wie
das „Traute Heim“ selbst. Die Idee dahinter – „Wir laden euch ein, ihr ladet
uns ein“ – geht auf. Bei den Proben gibt es einen regen Austausch. Alle sitzen
an einem Tisch, diskutieren Fragen und Vorschläge zu einer Szene.
Die Bürger/Laiendarsteller tragen den gesamten ersten Teil
des Grillparzer-Stückes als Chor. Statt von einzelnen Protagonisten werden die
Rollen von Medea, Phryxus und Aites von wechselnden Gruppen gesprochen.
Ausdruck und Bewegungen werden für das Kollektiv choreografiert. Ein schmaler
Grat: Wann ist eine Geste zu viel, wann zu wenig? „Ich glaube an das
Schwarmwissen“, heißt es von Mikat auf eine Frage. Sie sollen sich aneinander
orientieren, miteinander agieren. „Es geht auch um Gleichwertigkeit“, so die
Regisseurin. Eine Gleichwertigkeit, die sich in der Inszenierung unter anderem
darin ausdrückt, dass die Bürger nicht als sie selbst oder als Statisten auf
der Bühne stehen, sondern als Künstler, als Schauspieler den Originaltext von
Grillparzer sprechen. Drei Wochen wurde hierfür jeden Abend mit den
Amateurdarstellern geprobt. Einer der Teilnehmer hat zwei Wochen Jahresurlaub
hierfür genommen.
Zu Beginn des Stückes stimmt Maria Bender ein
traurig-schönes Lied an – eine der vielen Entdeckungen in einem Prozess, der durch
Offenheit und Gastfreundschaft erst möglich wurde und der das Theater spannend
und lebendig machen soll. Mikat: „Meiner Erfahrung nach kann jeder Schauspieler
sein, der spielen will.“ Ein demokratischer Gedanke, der ein Theater aus der
Mitte der Gesellschaft will – ein Theater, das die Gesellschaft widerspiegelt.
An Aktualität hat Franz Grillparzers Dramentrilogie „Das
goldene Vlies“ von 1819 nichts eingebüßt. In der Bearbeitung des
Argonauten-Mythos scheitert die Gastfreundschaft an Fremdenfeindlichkeit und
Gier. Das Fremde/der Gast wird vorrangig als Feind, nicht als Freund gesehen.
Evelyne Arents